Zöliakie verstehen: Symptome, Diagnostik und verborgene Manifestationen
Wissenschaftliche Informationen aus Leitlinien, medizinischer Routine und Forschung
Zöliakie, auch bekannt als glutensensitive Enteropathie (GSE), ist eine genetisch bedingte, T-Zell-vermittelte, chronische Entzündung des Dünndarms mit einer Autoimmunkomponente. Die Symptome sind unterschiedlich und unterscheiden sich zwischen Erwachsenen und Kindern.
Die totale Zottenatrophie, die früher als einziger histologischer Befund für eine Zöliakie-Diagnose in Frage kam, gilt heute nur noch als das Extrem eines kontinuierlichen Spektrums von Gewebeschäden, die in der akuten Phase der Krankheit festgestellt werden können. Bei der Hälfte aller erwachsenen Fälle gibt es keine Darmsymptome (wie wiederkehrende Magen-Darm-Schmerzen, geschwollener Bauch, Durchfall), aber auch andere Anzeichen: [1]
- Appetitlosigkeit und ausbleibende Gewichtszunahme
- Anzeichen von Malabsorption (Anämie, Osteomalazie, Osteoporose, …)
- Neurologische Störungen (z. B. Neurozöliakie, Depression…)
- wiederholte Fehlgeburten; verminderte Fruchtbarkeit
- Dermatitits herpetiformis Duhring
- Symptome der rheumatoiden Arthritis
Das Fortbestehen einer Schleimhautschädigung mit oder ohne typische Symptome kann zu ernsthaften Komplikationen und gastrointestinalen Malignomen (insbesondere Lymphomen) führen. Die Zöliakie kann in Verbindung mit einer H. pylori-Infektion und CED eine Prädisposition für GI-Lymphome darstellen.[2]
Wer sollte getestet werden?
Ein Test ist bei Personen mit Symptomen, die auf Zöliakie hindeuten, sowie bei Personen mit Zöliakie-assoziierten Erkrankungen (z. B. insulinabhängiger Diabetes mellitus, Autoimmunthyreoiditis, genetische Syndrome, dermale oder neurologische Anzeichen) sinnvoll.[3-4]
Diagnostik: Nachweis von Antikörpern gegen Transglutaminasen
Gewebetransglutaminase (tTG/TG2) ist das Ziel spezifischer Autoimmunreaktionen und wurde zur Entwicklung innovativer Diagnoseinstrumente genutzt. Die Entdeckung der tTG als wichtigstes endomysiales Autoantigen konnte jedoch nicht erklären, warum nur ein Teil der Patienten mit Glutensensitivität andere Symptome zeigt (z. B. Dermatitis herpetiformis, DH) und warum es einen Unterschied im Antigenrepertoire zwischen Zöliakie und den anderen bekannten, mit Glutensensitivität assoziierten Krankheiten gibt. Es stellte sich heraus, dass die epidermale Transglutaminase (eTG/TG3), eine Isoform des Enzyms, und nicht tTG das Autoantigen bei DH ist.[5] Ein positives Ergebnis für Anti-eTG-IgA im Blut kann ein Indikator für eine Hautbiopsie zur Bestätigung von DH sein.[6] Bei Neurozöliakie (Gluten-Ataxie, -Neuropathie und -Enzephalopathie) ist die Biopsie keine Option. Daher ist nur der Nachweis von Anti-nTG(TG6)-Antikörpern ein Indikator für diese Manifestation der Zöliakie:
Hauterkrankungen – Dermatitis herpetifirmis (DH)
Dermatitis herpetiformis (DH) gilt derzeit als die spezifische kutane Manifestation der Zöliakie.[7] Epidermale Transglutaminase (eTG, TG3 oder TGe) ist ein in der Epidermis exprimiertes Enzym, das homolog, aber nicht identisch mit Gewebetransglutaminase (tTG) ist.
Patienten mit DH produzieren zwei IgA-Antikörperpopulationen gegen eTG: Die erste Population bindet ausschließlich eTG, während die zweite sowohl mit eTG als auch mit tTG kreuzreagiert.[5] Hochaffine Anti-eTG-IgA-Antikörper, die durch Gluten aufrechterhalten werden, können bei Patienten mit DH nachgewiesen werden, fehlen aber meist bei der klassischen Zöliakie.
Daher kann die Bestimmung des eTG-IgA-Titers mittels ELISA ein empfindlicher diagnostischer Test für DH sein und dient als zusätzliches primäres Screening-Instrument bei Patienten mit relevanten DH-Symptomen und einer klinischen Anamnese einer glutensensitiven Enteropathie.
Neurozöliakie
Bei 10 % der Patienten mit nachgewiesener Zöliakie treten im Verlauf der Erkrankung neben den gastrointestinalen Beschwerden auch neurologische Störungen auf. [9] Einerseits kann dies durch eine Kreuzreaktivität der Auto-Antikörper gegen die htTG mit der neuronalen Transglutaminase (hnTG) erklärt werden, andererseits entstehen auch direkt Auto-Antikörper gegen andere Mitglieder der Transglutaminase-Familie insbesondere gegen hnTG.[10]
Besonders Patienten, die sich nicht glutenfrei ernähren, bilden vermehrt Auto-Antikörper gegen hnTG. Durch diese Nicht-Einhaltung der glutenfreien Diät (GFD) erhöht sich das Risiko für eine neurologische Manifestation der Glutenunverträglichkeit.[11] Dabei steigt das Risiko mit der Dauer der Exposition gegenüber Gluten an.[12]
Gluten-immunogene Peptide (GIP)
Alle Produkte, die Gluten in irgendeiner Form enthalten – selbst in kleinen Mengen – können bei sensibilisierten und genetisch prädisponierten Menschen eine schwere Unverträglichkeitsreaktion hervorrufen. Die einzige Therapie für diesen Krankheitskomplex ist derzeit eine Diät, bei der alle glutenhaltigen Lebensmittel gemieden werden.
Es gibt jedoch viele Situationen, in denen die strenge Diät für die Patienten eine große Herausforderung darstellen kann: Bei Restaurantbesuchen und Reisen ist die Einhaltung der Diät nur bedingt möglich, andere wollen ihren Familien-, Arbeits- und Freizeitalltag wegen ihrer Erkrankung nicht dauerhaft umstellen.[13] Im nächsten Beitrag erfahren Sie, wie die Bestimmung glutenimmunogener Peptide nicht nur Ärzte und Ärztinnen, sondern auch Patienten und Patientinnen dabei unterstützt, den Erfolg einer glutenfreien Therapie besser zu überwachen.
Referenzen
